Gandhi

Incredible !ndia

Seit der Osttürkei ist unser Scheibenwischermotor nur noch mit 2 statt 3 Schrauben befestigt, da eine Aufnahme am Alugussgehäuse abgerissen ist. In Kashgar/China hatte ich den Motor noch zusätzlich mit Kabelbindern fixiert, jedoch wenn es stark regnet und der Scheibenwischer auf Hochtouren läuft, fängt sich dieser an, zu verstellen. Bevor wir nun nach Indien und nach Südostasien fahren, wo es doch auch mal heftiger regnen kann, wollen wir dieses beheben lassen. Wir bestellen bei Mercedes-Benz in New Delhi einen Wischermotor und begeben uns nun zur Werkstatt.

Auch hat das Beast nach der erfolgreichen Überquerung des Pamir, des Karakorum und des Himalayas ein paar Streicheleinheiten nötig und verdient.  Zu unserer Überraschung und Freude treffen wir in der Werkstatt Christian, vom weltweiten Mercedes-Benz Kundendienst, der für fünf Jahre nach Indien ‚abkommandiert‘ wurde. Der schaut persönlich den Wagen durch, entdeckt noch ein paar Kleinigkeiten und managt den ganzen Ablauf.  Zu guter Letzt können wir auch noch bei ihm schlafen, er lädt uns ein in sein Apartment, das sich etwas außerhalb in ruhiger Lage befindet. Der Clou ist seine Dachterrasse, auf dieser sitzen wir jeden Abend und trinken ein paar Kingfisher Bier oder Gin Tonic. In der Ferne kann man Flugzeuge beobachten, die den Flughafen Delhi anfliegen und an einem Abend müsste auch die deutsche Bundeskanzlerin einfliegen, sie besucht Indien, just zu der Zeit als wir auch in Delhi sind. Alle öffentlichen Plätze sind mit deutschen Fahnen geschmückt. Christian erzählt uns, dass er kurz zuvor noch die S-Klasse des Präsidenten durchchecken musste, mit der Angela Merkel in Delhi chauffiert wird und die beiden Ersatzfahrzeuge, noch eine S-Klasse und einen Ambassador/Morris Oxford, ebenfalls gepanzert.

Während das Beast in der Werkstatt ist, nutzen wir die Zeit, sehen uns Delhi an und besorgen Visa für Myanmar und Thailand.

Bei Delhi Tourismus (Coffee Home 1, Baba Kharak Singh Marg) buchen wir die halbtägige Citytour und fahren mit einem Bus zum Lakshmit Narayan Temple, auch bekannt als Birla Mandir, einem großen Hindu Tempel. Im Anschluss geht es weiter zum Qutub Minar, einem 72 m hohen Minarett aus dem 12. Jahrhundert im afghanischen Baustil.

Das Safdarjung-Mausoleum für Mirza Muqim Abul Mansur Khan (1708–1754) wurde 1754 fertiggestellt und liegt in einem schönen Garten. Das Mausoleum Safdarjungs wird oft bewertet als „letztes Aufleuchten der Mogularchitektur“. Nachfolgende Herrscher waren nicht mehr in der Lage, sich ein derartig aufwendiges Grabmal zu leisten. Mehr und mehr übernahmen die Briten mit ihrer merkantilen und militärischen Präsenz (Britisch Indien) die Kontrolle über die Machthaber Indiens; nach und nach verleibten sie sich das zerfallende Mogulreich „als schönstes Juwel in der Krone“ des britischen Weltreiches ein.

Zum Abschluss fahren wir zum Gandhi Smrit, dem Haus, in dem Mahatma Gandhi am 30. Januar 1948 ermordet wurde. Wir betreten den schönen, gepflegten Garten, und dann das Haus. Zuerst gibt es viel zu lesen, die Wände sind voll mit Drucken, Schriften, Zeitungen und vielem mehr, das meiste in schwarz weiß, dann betreten wir das Zimmer, in dem sich Gandhi die meiste Zeit aufgehalten hat, uns befällt das Gefühl, dass er immer noch hier wohnt und gleich reinkommen muss, als wir seine Brille sehen müssen wir erst einmal schlucken und tief Luft holen, wir kämpfen mit den Tränen.  Auf einer Tafel lesen wir … sein Vermächtnis ist Mut, sein Banner Wahrheit, seine Waffe Liebe …

Aus seinem Zimmer führen Fußabdrücke in den Garten, denen wir folgen, sie enden an einem kleinen Pavillon, den Gandhi immer zum Beten aufgesucht hat und wo er im Winter 1948 durch 3 Pistolenschüsse in die Brust getötet wurde.

Wir sind tief beeindruckt und gehen noch einmal zurück in das Haus, um mehr über das Leben und seinen gewaltlosen Kampf für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit zu erfahren.

Großes Aufsehen erregte die Spinnrad-Kampagne. Sie richtete sich gegen den Import englischer Stoffe. Auf Reisen durch das ganze Land rief Gandhi dazu auf, zu Hause selbst Stoffe herzustellen. Gandhi machte damit das Spinnrad zum Symbol der indischen Unabhängigkeit. In dieser Kampagne war es ihm gelungen, das indische Volk auf einen friedlichen Weg des Widerstands zu führen. Noch heute ziert ein Spinnrad die indische Flagge.

Wir wünschen uns, dass es mehr von Menschen seiner Art auf dieser Welt gibt, dass Konflikte und Konfrontationen auf seine Art gelöst würden, statt zu terrorisieren und zu bomben.

Am Nachmittag besuchen wir noch das rote Fort ‚Lal Qila‘ und das India Gate, ein Kriegsdenkmal zu Ehren aller gefallenen Soldaten Indiens.

Laut einer  Studie von Credit Suisse (!?) verfügt Indien über die 5. stärkste Armee der Welt und es wird erwartet, dass das Land bis 2020 die 4. größten Militärausgaben der Welt haben wird. Auf der anderen Seite hat der Präsident dem Volk versprochen, dass bis 2019 jeder Inder eine Toilette hat. Hier wird deutlich in welchem Dilemma dieses Land steckt.

An einem Nachmittag treffen wir uns noch mit Gary, er hatte uns bereits auf der Fahrt in die Stadt auf dem Highway „entdeckt“ und Fotos von uns gemacht. Auch wir hatten ihn damals in seinem Toyota Pickup gesehen. Er nahm über Facebook mit uns Kontakt auf und so trafen wir ihn in seinem Reifenhandel am Khan Market in Delhi. Er ist selbst ein Reisender und besitzt 8 Geländewagen, mit einem davon fährt er Ende des Jahres auch über Myanmar nach Thailand. Er lädt uns zum Kaffee ein, wir plaudern über Gott und die Welt und am Abend führt er uns in den Ethiopian Club zum Essen, dieser befindet sich im Diplomatenviertel und Zutritt ist nur für „Members“. Gary ist Mitglied und wie wir so heraushören, hat er viele gute Kontakte. Er lud uns zu sich in sein Landhaus im Norden ein, eine australische Familie, ebenfalls Overlander, hatte dort vor kurzem 2 Wochen gecampt. Leider müssen wir sein Angebot ablehnen, denn unsere Nepalpläne hatten wir aufgrund von Grenzschwierigkeiten und politischem Geplänkel zwischen Indien und Nepal aufgegeben.

Unser weiterer Weg führt über Agra, Varanasi nach Kalkutta. Dort kriegen wir unsere neuen Bremsbeläge, diese waren leider im Lieferrückstand und Christian organisierte für uns, dass wir weiter nach Osten fahren können. Die Beläge kommen erst am 23.10. nach Kalkutta und am 28.10. müssen wir bereits in aller Frühe an der indischen Grenze zu Myanmar stehen.

Am 10. Oktober verlassen wir Delhi in Richtung Agra, wo es das weltberühmte Taj Mahal zu bewundern gibt. Die Straße dorthin ist eine der besten des Landes, für die guten 200 Kilometer benötigen wir bei gemütlicher Fahrt 4 Stunden. In Agra steuern wir das Hilltop Hotel an, dort, so haben wir von Ronald und Rini gehört, kann man im Garten campen und zum Taj Mahal ist es auch nicht weit. Wir checken dort ein, alles ist sehr heruntergekommen und bis auf einen, lungern alle nur herum.

Bhola, so ist der Name des ‚Mädchen für Alles‘ im Hilltop Hotel und auch uns bietet er sofort seine Hilfe an. Er besorgt vom Markt Gemüse und Wasser für unseren Tank. Ich gebe ihm ein paar Klamotten aus meiner Kiste, da diese mittlerweile kaum noch zugeht. Bhola hat in etwa die gleiche Statur, außerdem bekommt er ein paar Camelboots, die zwar auf der Seite aufgerissen sind, aber die zahlreichen Schuhmacher an der Straße können das problemlos reparieren. Für seine Töchter geben wir ihm noch ein paar Stifte und den Düsseldorf Metro Marathon Rucksack. Wir denken, dass dies nun genug sei, aber zum Schluss kam Bhola noch mit einer Kopie seiner Bankdaten zu uns und meinte, wir könnten ihm noch Geld überweisen.

Am Morgen stehen wir um 05.00 Uhr auf und gehen ohne Frühstück los. Auf dem Weg zum Taj Mahal sagen uns einige wir müssten zum West Gate gehen, dort sei der Eingang für Ausländer. Also nehmen wir diesen Weg. Am West Gate sind viele Schalter, aber nur einer für Ausländer. Alle sind menschenleer, bis auf den für die Ausländer, dort stehen Dutzende Menschen an, Männer und Frauen durch eine Eisenstange getrennt. Der Eintritt für Inder beträgt 20 Rupien, für Ausländer 750 Rupien, dafür bekommt man aber eine kleine Flasche Wasser gratis.

Als wir dann endlich unsere Tickets haben und gefühlten 100 Guides erklärt haben, dass wir keinen möchten, begeben wir uns zum Eingang, dieser öffnet bei Sonnenaufgang, aber die Schlange bewegt sich äußert langsam. Später erfahren wir den Grund, Securitycheck, schlimmer als am Flughafen, wieder getrennt für Mann und Frau. Man muss durch ein Portal und Hand- oder Fototaschen werden geröntgt. Ich muss die kleine Taschenlampe abgeben, bzw. in einen Mülleimer entsorgen. Annette muss ihr kleines Langenscheidts Zeigebuch entsorgen, wegen schwerer Sicherheitsbedenken. Das benutzte sie immer in Restaurants, um den Leuten zu zeigen, dass sie kein Schwein, kein Schaf, kein Beef und auch kein Huhn essen mag.

Aber klar, für die Sicherheit tun wir auch dies. Mit leicht erhöhtem Puls betreten wir dann das Gelände, der Sonnenaufgang ist leider schon vorbei. Wir schieben uns mit der Masse durch den Park, machen Fotos und entspannen ein wenig im Schatten. Wir besuchen noch das Agra Fort und gehen dann zurück zu unserem Zelt. Unterwegs gehen wir an einem Busparkplatz vorbei, die indischen Busse haben immer eine Art mobile Küche dabei, wo die ganzen Fahrgäste verköstigt werden. Wenn so ein Bus seinen Parkplatz verlässt, hinterlässt er einen unglaublichen Müllhaufen.

Als wir unseren Platz verlassen, fragen wir Bhola, wohin wir unseren Müll tun können, den wir fein säuberlich die letzten Tage gesammelt hatten. „Oh, you can give it to me.“ Dann nahm er den Sack, ging einige Meter in das angrenzende Wäldchen und warf ihn dort hinein.  Incredible !ndia

Wir fahren weiter nach Varanasi, die Straßen werden immer schlechter, aber die Maut bleibt. Die Landschaft verändert sich jetzt, es sieht steppenartig aus und wir sehen Strohhütten, viele Bananenplantagen und Kamele ziehen mit ihren Lasten vorüber. Als wir gegen 18 Uhr Varanasi erreichen ist es bereits dunkel, der Verkehr ist dicht und chaotisch, viele fahren ohne Licht und die Lichter, derer, die mit Licht fahren blenden derart, dass man kaum etwas sehen kann.  Direkt vor uns fährt ein Motorrad, das ein unbeleuchtetes Motorrad, das abbiegen möchte, übersieht und ungebremst in dessen Seite donnert. 3 Menschen, davon ein Kind, alle ohne Helm stürzen auf die Straße, wir weichen aus und halten kurz, fahren jedoch weiter, da sich sofort eine Menschentraube gebildet hat.

Wir suchen das Hotel Surya, auch dort soll man im Hof campieren können, als wir dort ankommen, können wir dies jedoch kaum glauben. Das Hotel macht einen sauberen, sehr gepflegten und hochwertigen Eindruck, also fragen wir an der Rezeption. Ja, kein Problem, wir können hier im Dachzelt schlafen, WC und Toilette gibt es am Swimming Pool. Das hört sich doch gut an, wir bleiben 3 Nächte hier und können hinter dem Pool parken. Eines Abends kommt eine junge Amerikanerin zu uns und stellt sich als eine Miteigentümerin vor, sie erklärt uns, dass sie die Art zu reisen toll findet und daher das unterstützt, sodass Overlander hier campieren können. Auch wir finden das klasse, dass es Menschen gibt, die diese Art zu reisen unterstützen, es wäre ja einfach zu sagen, dass man hier ein Zimmer mieten muss.

Am Morgen plantschen wir zuerst etwas im Pool, bevor wir uns aufmachen die Stadt zu erkunden, die als eine der ältesten Städte Indiens und als die heiligste Stadt der Hindus gilt. Gegründet im Jahre 1.200 v. Chr. besitzt sie heute über 1,2 Millionen Einwohner und liegt am linken Ufer des Ganges, dem heiligen Fluss der Hindus. Mit einem Tuk Tuk fahren wir zum legendären Dasaswamedh Ghat, einer von über 80 Treppen (Ghats), die hinunter zum heiligen Fluss führen. Die engen Gassen sind schon ein Erlebnis für sich, Menschenmassen, Kühe, Hunde, Ziegen, Verkaufsstände, Pilger, Bettler und Touristen bevölkern die Gassen und Ghats, Gerüche und Gestank wechseln sekündlich.

An den Ghats selbst ist es erstaunlich ruhig, man erklärt uns, dass im November die Pilgersaison ist und dass man dann nur sehr schwer einen Platz an den Ghats finden kann. Wir beschließen eine einstündige Bootsfahrt zu machen und das Treiben von der Flussseite aus zu betrachten. Wir bezahlen 300 Rupien (~4,10 €) und werden dann eine Stunde über den Fluss gerudert, hinunter zu den Waschplätzen und Krematorien, wir beobachten Pilger, die im Fluss baden und Opfer bringen. Nach der Bootsfahrt essen wir noch etwas und fahren mit einer Rikscha zurück. Wir fragen den Rikschafahrer , ob er die Adresse kennt und wieviel es kosten soll, er wackelt nur mit dem Kopf und zeigt uns mit einer Geste an, einzusteigen. Ich wiederhole aber die Fragen so lange, bis er uns sagt, wieviel er für die Fahrt haben möchte. Und natürlich weiß er nicht wohin er fahren muss, unterwegs hält er mehrmals an und fragt nach dem Weg, dann verfährt er sich und zu guter Letzt will er den Fahrpreis neu verhandeln, es ist immer das gleiche Spiel, ich schüttle nur den Kopf und halte ihm die vereinbarten Rupien hin.

Der Verkehr ist wie überall unbeschreiblich chaotisch, der Inder scheint überhaupt keine Zeit zu haben, jede Lücke auf der Straße wird zugefahren, vielleicht ist doch noch ein Vorbeikommen oder Überholen möglich. Einmal beobachten wir, wie der Ambulanz Rettungswagen vor einer Brücke wieder umkehrt, es gibt kein Durchkommen und selbst einem Einsatzfahrzeug mit Blaulicht wird keine Vorfahrt eingeräumt. Incredible India! Um der Eile noch besondere Brisanz zu verleihen wird die Hupe unentwegt betätigt, als wir am Hotel ankommen sind wir total genervt. Wir ziehen uns zurück an den Pool und versuchen mit einem kalten Bier wieder herunterzukommen. Für den nächsten Tag buchen wir beim Reisebüro des Hotels eine Frühtour zum Sonnenaufgang mit Bootsfahrt auf dem Ganges.

Um 04.30 stehen wir auf und um 05.00 Uhr sind wir am vereinbarten Treffpunkt. Leider fehlen zwei Leute, die beiden US-Brasilianer haben verschlafen und kommen 20 Minuten zu spät. Auf der Fahrt zu den Ghats fragt der Fahrer die beiden wie sie Indien finden und wie ihnen das Essen schmeckt, worauf sie antworten, dass sie einmal indisch gespeist hätten und seitdem nur noch Pizza essen.

Wir treffen an den Ghats noch eine israelische Familie und dann geht es ins Boot, trotz unserer Verspätung erleben wir einen unvergesslichen Sonnenaufgang am Ganges. Während der Fahrt fragt uns die Frau des Israeli, als sie gehört hatte, dass wir den ganzen Weg nach Indien mit dem Auto zurückgelegt haben, ob die anderen Länder auch so dreckig und vermüllt seien. Nein, teilten wir ihr mit, Indien ist das mit Abstand dreckigste Land, das wir jemals gesehen haben.

In Osh (Kirgistan) hatten wir Pierre-Alain aus der Schweiz mit seinem Landrover getroffen, mit ihm sind wir immer noch in Kontakt und als er vernahm, dass wir nach Indien reisen sandte er uns u. a. dies:

… when I was in India 2 years ago, after 3 months driving there, I wanted to Kill (!!!) somebody on the road… It was time for me to quit this country before it happens !!!

Just remember the 3 important rules in India:

1) There are no rules
2) You are bigger than others, then you have the priority
3) No accident

I see that you crossed Pakistan and you are still in life. Well done!

Wir waren jetzt erst gute 6 Wochen in Indien, aber bei mir war es jetzt schon soweit. Beim Fahren hatte ich Mordgedanken. Die Inder können nicht Autofahren, vorausschauendes Fahren ist ein Fremdwort, Verkehrsregeln unbekannt. Jeder hat es sehr eilig, daher fährt man halt in Einbahnstraßen oder ist als Geisterfahrer auf den Highways unterwegs. Überholt wird da, wo gerade Platz ist und da die Autobahn auch gleichzeitig Viehweide und Verkehrsweg für Hirten, Rikschas und Tuk Tuks ist, fährt der LKW eben permanent auf der eigentlichen Überholspur. Die Polizei schaut munter zu. Der Stärkere hat Vorfahrt, oft wurden wir Augenzeuge wie Fußgänger von Tuk Tuks angefahren wurden, wen kümmerts?

Als wir Varanasi verlassen müssen wir die Bahnschienen queren, ein Wärter lässt die Schranken zuerst halb herunter und nach einer Weile dann ganz. Aber selbst wenn die Schranke geschlossen ist, überqueren Fußgänger, Rikschas, einfach alle, die ihr Gefährt irgendwie unter der Schranke hindurchquetschen können die Gleise. Wir warten vor der Schranke, unterdessen füllt sich die komplette Strasse mit Fahrzeugen, auf der anderen Bahnseite geschieht das Gleiche und als die Schranke dann endlich wieder einmal aufgeht, preschen von beiden Seiten die Fahrzeuge über die gesamte Straßenbreite nach vorne, bis sie aufeinandertreffen, dann wird versucht irgendwie aneinander vorbei zukommen. Time is cash, time is money.

Wir verlassen die Stadt unbeschadet und fahren wieder auf den Highway in Richtung Kalkutta, die Stadt am Ganges Delta. Für mich ist diese Stadt Synonym für Armut und Elend, während meiner Grundschulzeit behandelten wir Mutter Theresa und von Kalkutta hatte ich immer nur im Kopf Lepra, Elend, Armut und Tod. Ich bin sehr auf die Realität gespannt.

Für die Fahrt benötigen wir zwei volle Tage, der Verkehr und die Straße sind ein Graus und kurz vor Kalkutta haben wir unser bis dahin übelstes Verkehrserlebnis. Vor uns fährt ein Truck wie immer auf der rechten Spur (Überholspur – in Indien herrscht Linksverkehr), ich setze zum Überholen an, als dieser plötzlich auch auf die linke Seite wechselt. Gut, denke ich , er macht uns Platz auf der Überholspur und ich kann ihn rechts (vorschriftsmäßig) überholen. Als ich auf die Überholspur hinausziehe, sehen wir den wahren Grund, des Spurwechsles des LKW’s, es kommt ein riesiger Truck entgegen und das mit voller Geschwindigkeit. Ich mache sofort eine Vollbremsung, die Reifen quietschen und ich schere wieder links hinter dem LKW, den wir überholen wollten ein. Der Geisterfahrer rauscht an uns vorbei, das Beast schwankt noch gewaltig und unsere Nerven flattern. Das war knapp.

Überholmanöver

Ich bin total genervt, es kommen andauernd Geisterfahrer. Autos fahren Auffahrten hinunter oder biegen von der Auffahrt in die falsche Richtung ab. Es scheint niemanden zu kümmern. Mittlerweile bin ich aus Frust dazu übergegangen den Geister-LKW’s Lichthupe zu geben und eindeutige Handzeichen zu geben, Annette fängt an, sich aufzuregen und erklärt mir, dass es sinnlos sei. Wahrscheinlich hat sie Recht.

In Indien sterben jedes Jahr mehr als 230.000 Menschen durch Verkehrsunfälle, in Deutschland sind das 3.368 (2014). Bezogen auf die Bevölkerungszahl sterben in Indien 5 mal soviele Menschen im Straßenverkehr wie in Deutschland. Laut einer WHO Studie beklagen arme Länder, die meisten Verkehrstoten. Wir stellen uns schon die Frage, ob das Geld, das Indien für die Verteidigung des Landes ausgibt, vielleicht nicht doch besser an der ‚Heimatfront‘ ausgegeben wäre? Eine Reduktion der Verkehrstoten um den Faktor 5 würde fast 200.000 Indern pro Jahr das Leben retten, im Süden Indiens wird das Dorf Peddakunta auch das Dorf der Witwen genannt, dort sind bis auf einen Mann, alle Männer des Dorfes auf der Landstrasse, die durch das Dorf führt, ums Leben gekommen. Uns wundert dies nicht.

Dann kommen wir in die Stadt, die sich selbst als Crazy Calcutta bezeichnet und in einer Stadtbroschüre steht zu lesen:

Calcutta is not for everyone.
You want your cities clean and green, stick to Delhi.
You want your cities rich and impersonal, go to Bombay.
You want them high-tech and full of draught beer, Bangalor’s your place.
But if you want a city with a soul, come to Calcutta.

Das verspricht ein neues Erlebnis zu werden. Kalkutta hat mehr als 18 Mio. Einwohner, wir suchen uns im Nordosten eine Unterkunft und erkunden von dort aus die Stadt. Wir haben noch einige Tage, bis unsere Bremsbeläge da sind. Außerdem wird gerade das Durga Puja Festival gefeiert, ein sehr wichtiges Festival für die Hindus, die temporär aufgebauten Tempelanlagen finden sogar Erwähnung in der deutschen BILD Zeitung.

Es herrscht Hochstimmung, viele Geschäfte bleiben geschlossen. Mit Einbruch der Dunkelheit strömen die Menschen zu den kunstvoll beleuchteten und reich geschmückten Tempeln, es gibt überall zu essen, Musik und manchmal wird getanzt. Es geht die ganze Nacht hindurch, über 10 Tage.

In Kalkutta besichtigen wir das Victoria Memorial, Fort William und den New Market. Dort verfolgt uns ein aufdringlicher Händler, trotz mehrmaligem Verneinen, dass wir wirklich nichts kaufen wollen, geht er ständig neben uns her. Ich bleibe stehen und sage ganz deutlich zu ihm, dass er verschwinden soll, er beharrt jedoch darauf, dass er hier gehen darf. Ja, das darf er, aber ab sofort nicht mehr mit uns sprechen. Es ist verrückt, wie mich diese Inder mit ihrer bloßen Anwesenheit aggressiv machen können. Wir biegen auf dem New Market in eine Seitengasse ab und landen in der ‚Fleischabteilung‘, links werden gerade eine Menge Hühner geschlachtet, die Körper zappeln auf dem blutüberströmten Boden, rechts wird gerade eine Ziege fachgerecht zerlegt, aber das Schlimmste ist der fürchterliche Gestank. Ich muss schon laut würgen, Annette ruft mir zu: „Schau mal, da werden Hühner frisch geschlachtet!“ Aber ich kann nicht schauen, ich muss gleich kotzen, der Gestank ist unerträglich, im Eilschritt erreiche ich die Gemüsehalle und dann das Freie. Ich atme tief durch, das war knapp, vielleicht ein Grund auch Vegetarier zu werden. Aber eines ist klar, würden wir in Deutschland auch auf solchen Märkten einkaufen, wäre der Fleischgenuss deutlich reduziert, keine Knusperdinos oder Nuggets für Kinder und nicht jeden Tag Schnitzel.

Wir sind im indischen Bundesstaat West Bengalen, dem Zuhause des sagenumwobenen und legendären bengalischen Tigers. Wir möchten in die Sundarbans fahren, was auf Deutsch so viel wie schöner Wald bedeutet und der größte Mangrovenwald der Erde ist. Der Fahrer holt uns morgens um 06.00 Uhr ab. Vor dem Hotel stehen ein schönes weißes Taxi und ein uralter grüner Ambrassador/Morris Oxford. Der Portier bringt mich zu den Wagen, ich tendiere nach rechts zum Taxi, aber er sagt, „No – this is your car“ und deutet auf den grünen Oldtimer. Der Fahrer kommt, es ist ein junger, lustiger Typ und dann fahren wir los. Die Fahrt in das Delta des Ganges dauert ca. 3 Stunden, keine Klimaanlage, Kopfstützen, etc. Zuerst erklärt er uns, dass er bis vor zwei Stunden am Festival war und dass das Fahrzeug über 50 Jahre alt ist. Die Sitze sind durch und die Fenster lassen sich nur mit großem Kraftaufwand herunterdrehen. Dennoch ist die Fahrt ganz angenehm, wir machen zweimal eine Pause, tanken und trinken Tee. Vom Auto steigen wir dann auf das Boot um, wir sind alleine drauf, aber 5 Crewmitglieder, der Fahrer sagt uns, dass er die Tour heute zum ersten Mal alleine durchführt, wahrscheinlich sind alle am Festival. Es gibt Frühstück und dann tuckern wir los, es steigt noch ein offizieller Guide des National Park zu und dann fahren wir in den Dschungel ein. Wir sehen Vögel, Leguane, einen Hirsch, Schildkröten, aber den bengalischen Tiger verpassen wir an einem Watchtower nur um Minuten, ein anderer Besucher zeigt uns sein Kameradisplay mit einem Prachtexemplar, das sich wenige Minuten vorher gezeigt hatte. Laut dem Guide vom National Park leben hier 103 Tiger. Wir fahren weiter, es gibt Mittagessen und unser Guide schläft sich aus. Gott sei Dank – denn die Heimfahrt ist anstrengend, das Auto hat nur eine Lichtstufe (Highbeam) und so schaltet er es ständig an und aus, die Straßen sind aufgrund des Festivals überall überfüllt, Fußgänger, Rikschas und Motorräder mit unzähligen Menschen, leider meist unbeleuchtet. Gegen 21 Uhr erreichen wir wieder wohlbehalten das Hotel, wir haben einen wunderbaren Tag verbracht und fallen todmüde ins Bett.

Es ist nun Freitag und unsere Bremsbeläge sind da, es ist der einzige Tag in dieser Woche, an dem die Werkstatt auf hat. Durga Puja, dann Wochenende und dann das nächste Festival.

Gegen 15.30 Uhr können wir Mercedes Benz in Kalkutta verlassen, beim Aufschreiben des Kilometerstandes war der Mitarbeiter sehr überrascht, ein indisches Auto hält im Durchschnitt 80.000 Kilometer, danach ist es Schrott. Wir haben mehr als doppelt so viel auf dem Tacho.

Wir verlassen auch die Stadt und machen uns nun auf den Weg zur Grenze nach Myanmar, wir haben über 1.500 Kilometer vor uns und die Straßen werden zunehmend schlechter. Wir müssen nach Norden und Bangladesch umfahren, kurz nach Kalkutta sind jedoch schon viele Straßen gesperrt, aufgrund von Festivals. Wir übernachten und starten am Morgen um 05.00 Uhr in aller Frühe, jetzt sind die Straßen so gut wie leer und wir kommen gut voran. Einmal sehen wir, wie ein Elefant die Straße kreuzt, zu schnell um ein Foto zu machen. Wir machen keine Pause, wir essen im Auto Obst und Nüsse, der Verkehr nimmt immer mehr zu und die Nerven liegen wieder blank.

In der Stadt Siliguri, wo wir bei Einbruch der Dunkelheit eintreffen wird auch ein Festival gefeiert und die Straßen sind verstopft, die Polizei regelt den Verkehr und riegelt die Innenstadt ab, eigentlich wollten wir hier in einem Guesthouse die Nacht verbringen, aber so fahren wir weiter, auf der zweispurigen Straße fahren die Fahrzeuge mittlerweile 4 bis 5-spurig nebeneinander, wir wollen raus aus der Stadt und fahren ganz rechts, ein Taxi meint noch eine neue Spur aufmachen zu müssen und will dann ganz nach links abbiegen, ich hupe mit unserem Drucklufthorn, aber der Taxifahrer streift mit seiner ganzen Fahrzeuglänge an unserem vorderen rechten Stoßstangeneck entlang. Ich sehe nur das weiße Taxi, jetzt mit eingedellter Seite, einem schwarzen Streifen und davonhängender Stoßstange hinten. Ich kann es kaum fassen, ich fahre neben das Taxi, lasse die Scheibe auf der Beifahrerseite hinunter und schreie. Ich schreie alles Üble, was mir auf Englisch so einfällt und fahre dann links an den Rand. Das Taxi ist verschwunden, aber im dichten Verkehr habe ich es schnell im Laufschritt eingeholt, es ist voll besetzt, überbesetzt mit einer Großfamilie und Kleinkindern auf dem Schoß der Frauen. Ich schreie immer noch, dass er das Beast gestreift hat und gefälligst halten soll, vor uns ist ein Verkehrspolizist, der den Verkehr regelt, ich laufe zu ihm und erkläre ihm den Sachverhalt, ein Augenzeuge kommt mit einem Auto hinzu und bestätigt das Ganze. Der Polizist zieht ein Absperrgitter vor und dahinter hält das Taxi, ich laufe kurz zurück zum Beast, um den Schaden zu begutachten und bin nach einer Minute zurück, das Gitter und das Taxi sind weg. Ich frage den Polizisten, was los ist, ernte aber nur das typische, indische Kopfwackeln. Erneut erlaufe ich im Marathonrenntempo den Unfallgegner, reiße die Fahrertür auf und fordere den Taxifahrer zum Aussteigen auf, dieser ist sichtlich verängstigt. Inder fahren wie die Idioten gebe ich ihm zu verstehen, alle Außenspiegel sind angeklappt und kaputt, diese sind eigentlich dazu da, um den nachfolgenden Verkehr zu beobachten.  Ich teile ihm auch deutlich mit, dass er einen Schaden von ca. 1000 Dollar zu vertreten hat. Der Familienvater der Fahrgäste möchte, dass ich sie in Ruhe lasse, es seien Kinder im Fahrzeug und es hätten beide Schuld. Der Fahrer hat mittlerweile die Tür wieder zugezogen und möchte wieder davon fahren, als meine Rechte durch das offene Fahrzeugfenster fährt. Das Veilchen wird er noch eine Weile mit sich herumtragen und für mich hat sich der Frust von 8 Wochen indischen Straßenverkehr schlagartig entladen. Das war ein 1000 $ Punch. Am nächsten Tag zeigt sich der Schaden, es fehlt die Kunststoffecke rechts an der Stahlstoßstange.

Die Landschaft wird nun wieder gebirgiger und die weitere Fahrt verläuft ruhiger. Hier im Nordosten Indiens entdecken wir an der Straße plötzlich Schilder mit der Aufschrift ‚ Stop Witch Hunting‘ und unsere Recherchen zu diesem Thema ergeben, dass hier jährlich über 150 Menschen, meist Frauen als Hexen verfolgt und getötet werden. Für uns unfassbar – Incredible !ndia

Endlich, nach 3 Tagen anstrengender Fahrt erreichen wir das Grenzkaff Moreh. Hier haben wir nun einen Tag zum Erholen, bevor wir in einer Gruppe von 6 Fahrzeugen in 14 Tagen Myanmar durchqueren werden.

Eine Nacht verbringen wir in einem Guesthouse, in dem es aber bereits morgens um 5 Uhr so unsäglich laut zugeht, dass wir am nächsten Tag direkt an der Grenze auf einem grasigen Platz übernachten.

Wir treffen hier Claire und Emiel aus Australien, die wir bereits in Pakistan getroffen hatten, sowie Susi und Werner aus Österreich, die mit ihrem Mercedes Sprinter die Welt umrunden.
Die drei Motorräder aus Australien, die unsere Gruppe vervollständigen, lernen wir erst an der Grenze kennen.

Ausnahmslos alle sind froh, Indien zu verlassen. Es ist ein Subkontinent, also ein eigener Kontinent auf dem Kontinent und mit nichts zu vergleichen.

Incredible !ndia

 

Ladakh – traumhafte Landschaften, Tempel und Tibeter

Die Zeit drängt ein wenig, es ist bereits Mitte September und um nach Leh zu gelangen, müssen wir die höchsten befahrbaren Pässe dieser Erde überwinden.

Nachdem wir in Manali, die Genehmigung für die Fahrt nach Leh eingeholt hatten, starten wir in Richtung Norden in den indischen Himalaya nach Ladakh. Dies war einmal ein eigenständiges Königreich und ist nun ein Teil des indischen Staates Jammu und Kaschmir, der Name bedeutet so viel wie Land der hohen Pässe. (La = Pass, dakh = Land)

Es gibt noch viele Zweitnamen für Ladakh, wie z. B. Kleintibet, Westtibet oder Indisch-Tibet, aber Ladakh ist eine eigenständige Region und nicht Tibet, auch wenn viele Exiltibeter und der Dalai Lama momentan hier ihren Wohnsitz haben.

Zuerst überqueren wir den Pass Rohtang La, mit knappen 4.000 m einer der niedrigen Pässe, viele Inder aus dem Süden tummeln sich hier in Schneeanzügen und machen Fotos. Für die Meisten ist es das erste Mal im Leben, dass sie Schnee sehen. Die Anzüge können im Tal an unzähligen Ständen gemietet werden, soweit wir das überblicken können handelt es sich meist um ältere, abgewetzte, gebrauchte Ski Overalls aus Europa oder USA.

In einem Reisebericht über die Fahrt nach Leh und Ladakh wurde diese mit ‚The Beauty and the Beast‘ verglichen, wobei die Landschaft die Schöne und die Straße das Beast war und tatsächlich machen wir auf der nördlichen Passabfahrt vom Rohtang La erste Erfahrungen über den Straßenzustand. Unser Beast wird mit samt den Insassen gut durchgeschüttelt, die Straßen sind meist unbefestigt und schmal, durch Regen und Wasser, das von überall auf die Piste läuft, ist diese matschig und rutschig, durch das starke Gefälle wird die Abfahrt zu einem gefährlichen Unterfangen, das zeigen auch die zahlreichen gechrashten Fahrzeuge und überschlagenen Busse oder LKW´s am Straßenrand.

Für die ca. 480 km von Manali nach Leh brauchen wir zweieinhalb Tage, außer dass die Straßen schlecht sind, behindern uns Militärkonvois, die mit fast 100 Fahrzeugen auf der Strecke unterwegs sind, sowie die zahlreichen Trucks und Taxen. Überholen ist kaum möglich und wenn ein LKW oder anderes Fahrzeug entgegenkommt, beginnt eine Art Machtkampf. Es wird die Lichthupe wie wild betätigt,  gehupt, aber nicht gebremst, denn wer bremst verliert. Die LKW haben aufgrund ihrer Größe einen klaren Vorteil. Wenn einer entgegenkommt, heißt es für uns links ranfahren, aber selbst wenn wir in einer Einbuchtung stehen, kommen einige Trucks nicht vorbei. Die alten Gefährte oder selbst ausgebauten Tata Trucks sind total überladen und haben keine Lenkhilfe, also wollen einige in der Mitte weiterfahren. Das Beast ist auch nicht gerade klein und so legen wir uns ab und zu mal mit einem Truck, Bus oder Taxi an, aber vom Verkehr in Indien wollen wir in einem anderen Blog berichten.

Die Landschaft jedoch ist grandios, wir durchfahren wilde Täler und eindrucksvolle Gebirgszüge, die Farben sind unbeschreiblich. Einmal glauben wir in einer Sandwüste zu sein, bizarre Felsformationen, von Wind und Wetter geformt, ragen in gelb und orange aus dem Sand und doch, wir können es kaum glauben, lugt darunter Eis hervor. Ist das ein Gletscher?

Auf den Passhöhen, die wir überqueren, einige davon über 5.000 m hoch, wehen die Gebetsflaggen der Buddhisten im Wind.

Entlang des Leh-Manali Highways gibt es einige Häusersiedlungen, die meisten Menschen dort bieten etwas für Reisende an. Dhabas sind kleine Restaurants, wo es landestypische Speisen für wenig Geld gibt und Ramesh, der Sohn von Bophram gab uns den Tipp, dort auch zu übernachten. Für 100 Rupien kann man im Hinterzimmer in einem Schlafsaal ein Bett haben. Wir ziehen es aber vor, irgendwo abseits der Straße im Dachzelt zu schlafen.

Endlich überqueren wir den Indus und erreichen Leh, die Hauptstadt Lakdaks. Auch die Indusbrücke ist mit unzähligen Gebetsflaggen behängt und wir steuern das Goba Guesthouse an, wo wir im Hof parken und campieren können. Die netten Leute dort begrüßen uns mit einem lauten „Jullee, Jullee“, dem Gruß der Buddhisten in Ladakh. Und wenn wir auch hier nicht so gut kommunizieren können, sorgt ein Jullee, Jullee  meist für eine aufgelockerte Stimmung.

In Leh findet gerade das alljährliche Ladakh Festival statt. Wir bleiben hier 5 Tage und genießen die Zeit hier sehr. Wir besuchen Nick Eakins, lassen uns zwei Polohemden und zwei Hoodies mit mybeastgoeseast besticken, besuchen ein Polospiel und das Food Festival. Auch wollen wir noch auf den höchsten befahrbaren Pass der Welt fahren, den Khardung La, lt. indischen Angaben 5.604 m hoch, gemäß anderen Quellen, jedoch „nur“ 5.360 m hoch. Auch hierfür benötigen wir eine Permit. Auf dem Rückweg wollen wir am Tso Moriri und am Tso Kar vorbei und auch hierfür sind Genehmigungen notwendig. Wir kaufen also eine Universalgenehmigung mit 7 Tagen Gültigkeit und fahren dann auf den Khardung La.

Der Morgen ist bedeckt und regnerisch, der Regen geht bald in Schnee über und oben auf dem Pass herrscht das blanke Chaos. Die Inder lassen die Luft aus ihren abgefahrenen Reifen und unterlegen bei ihren PKW`s irgendwelche Kordeln und Schnüre, LKW und Army ziehen Schneeketten auf. Auf der Straße ist dafür natürlich kein Platz und so staut sich der Verkehr kilometerlang. Es gibt niemanden der für Ordnung sorgt und ab und zu gibt es mal ein Handgemenge, von der Ruhe, Ausgeglichenheit und inneren Balance der Inder ist nicht viel zu spüren.

So sitzen wir im warmen Auto, kurz vor der Passhöhe und warten darauf, dass sich der Verkehr wieder einmal vorwärts bewegt, als plötzlich ein junger Mann, der von oben herab kommt, sich vor unserem Auto hinkniet. Er verharrt einige Minuten in dieser Position, schlägt sich mehrmals gegen den Kopf und geht dann weiter. Im Rückspiegel sehe ich, wie der dann zwei Fahrzeuge weiter zusammenbricht. Ich springe aus dem Auto und greife die Sauerstoffmaske, samt Flasche, die ich von Ronald abgekauft hatte und renne zu dem armen Kerl. Es sind schon einige Leute da und unser Sauerstoff nicht nötig. Ein Taxifahrer hat ihm bereits eine Maske aufgesetzt und ihn auf den Rücksitz des Taxi gelegt. Wir gehen dann wieder zurück zu unserem Auto.

Wir sind hier auf 5.300 m und die Höhe ist nicht zu unterschätzen, auch uns fällt das Atmen schwer und es fällt uns wieder die Geschichte ein, von den beiden deutschen Bergsteigern, die in China ihren Kameraden in der Nacht im Zelt auf „nur“ 6.200m verloren haben.

In Leh gibt es eine Oxygen Bar, dort kann man Sauerstoff konsumieren und sich ausruhen, auch wenn Leh vergleichsweise niedrig, auf 3.500 m liegt, wissen wir, dass dies nicht nur zum Spaß dort ist.

Um an den Tso Moriri zu gelangen, folgen wir dem Lauf des Indus, die Landschaft fasziniert uns und als wir den See mit dem letzten Tageslicht erreichen, zieht uns die Atmosphäre in ihren Bann. Wir campieren am Westufer, südlich der Ortschaft Karzok, dem Winterquartier der Nomaden.

Unser Schlafplatz liegt auf 4.700 m und lässt uns nicht gut schlafen, die Aussicht und die Landschaft entschädigt uns am Morgen für die Kopfschmerzen. Es geht wieder ein Stück zurück und nach dem Tso Kar zurück auf den Highway. In Keylong bleiben wir nochmal für zwei Tage und machen einen Ausflug zur Kardang Monastery. Die Aussicht auf die umliegenden 6.000er ist wunderschön und im Ort ist ein Festival, die Leute laden uns ein, ihre Speisen zu probieren. Momos, eine Art Maultaschen begeistern uns. Über Shimla und Chandigarh verlassen wir die Bergwelt Indiens in Richtung ihrer Hauptstadt, Delhi.

In Shimla, der ehemaligen Sommerhauptstadt der englischen Besatzer bleiben wir einige Tage und besichtigen auf dem Berg Jakhoo (2.453 m) einen Tempel und eine überdimensionale Hanuman Statue, dies ist eine hinduistische Gottheit in Gestalt eines Affen und auch in der Stadt wimmelt es von wilden Affen.

Von Shimla aus verkehrt auch die Schmalspurbahn Kalka-Shimla Railway, von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, die aufgrund ihrer geringen Größe und der begrenzten Anzahl an Wagen auch Toytrain (Spielzeugbahn) genannt wird.

Der Betrieb auf diesen Strecken, auf denen unter anderem auch noch Dampfzüge verkehren, hat sich seit dem Bau der Strecken 1903 nicht wesentlich verändert, der Regelbetrieb ging quasi fließend in den Museumsbetrieb über. Auf eine Fahrt verzichten wir allerdings, da es kurz zuvor zu einem Unfall kam, bei dem zwei Britinnen ihr Leben verloren haben.

Zum Schluss besuchen wir die Stadt Chandigarh, dies ist eine Planstadt, die erst Mitte des 20. Jahrhunderts gegründet wurde. Im Sommer 1947 wurden Indien und Pakistan aus dem britischen Kolonialreich in die Selbständigkeit entlassen, was mit einer neuen Grenzziehung zwischen beiden Staaten verbunden war. Auch die Provinz Punjab wurde geteilt, wobei die Hauptstadt Lahore an Pakistan fiel. Daraufhin beschloss Indien die Errichtung eines neuen Regierungssitzes für den indischen Teil des Punjab. Als Standort wählte man ein Gelände in direkter Nachbarschaft zum Dorf Chandigarh, dessen Namen man auf die neue Stadt übertrug. Der Name leitet sich von der Göttin Chandi ab, der ein nahegelegener Tempel geweiht ist (garh bedeutet „Festung“).

Für die Errichtung einer neuen Hauptstadt wurden der amerikanische Städteplaner Albert Mayer und sein Partner, der Architekt Matthew Nowicki verpflichtet. Nachdem Nowicki 1950 tödlich verunglückte, schied auch Mayer aus der Planung aus. Nachfolger für die Planung wurde auf besonderen Wunsch Jawaharlal Nehrus, des Ministerpräsidenten Indiens, der Schweizer Architekt Le Corbusier. Der Grundstein für Chandigarh wurde 1952 gelegt.

Dort besichtigen wir den Rock Garden, den Skulpturgarten von Nek Chand, einem Road Inspector von Chandigarh, der 1957 damit anfing, skurril geformte Steine zu sammeln und aus Schrott und Abfall am Stadtrand des neuen Chandigarh im Verborgenen Skulpturen zu basteln.  Erst 1975 wurde sein Werk entdeckt, mittlerweile auf 49.000 m² herangewachsen, tummelten sich Skulpturen, Tänzer, Musiker, Tiere und Fantasiegestalten. Die Stadt schützte fortan das Gelände und machte es ab 1976 für die Öffentlichkeit zugänglich. Chand durfte seine Skulpturen u. a. in New York, Berlin und Paris ausstellen, wo er auch 1980, die große Verdienstmedaille des Bürgermeisters der Stadt Paris ‚Grande Médaille de Vermeil‘ erhielt, eine Auszeichnung zum Ritter im Orden der Künste. Indien widmete ihm 1983 eine Briefmarke.

Heute besuchen über 5000 Menschen täglich den Rock Garden und nach dem Besuch dieser Oase der Ruhe begeben wir uns wieder in das quirlige, bunte und laute Leben Indiens in Richtung ihrer Hauptstadt New Delhi.

 

Hindustan Times vom 13.09.2015

Hindustan Times vom 13.09.2015